Klare Schnitte

Was bisher geschah…Vor ein paar Wochen habe ich eine pers├Ânliche Ver├Ąnderung gestartet. Mein bisher durchwegs als gl├╝cklich und erfolgreich zu beschreibendes Leben ging mit einer unspezifischen, latenten Unzufriedenheit einher. Lange habe ich mit mir gerungen doch schlie├člich beschlossen dieses Alles-was-man-sich-w├╝nschen kann-Leben gegen ein neues, komplett unbekanntes einzutauschen.

Um dieses neue Leben zu gestalten, habe ich mich intensiv mit meinen Ängsten, Wünschen und Werten auseinandergesetzt. Dabei habe ich verstanden, dass ich zwei wesentliches Antriebsenergien in mir trage:

Zum einen der Wert von Liebe und Geborgenheit, den ich in meinem Leben mit jeder Faser meines Seins erf├╝llen will (auch, wenn ich noch nicht genau wei├č, wie…). Zum anderen ist es das “Freie Schaffen”, der Wunsch etwas zu kreiern, zu bewirken, mit Mut, Kreativit├Ąt, Disziplin und Leidenschaft in etwas Gutes in die Welt zu bringen.

Diese Ekenntnisse befl├╝geln mich und seither geschehen unvermutet sch├Âne Dinge. Gleichzeitig bringt diese Klarheit unweigerlich Konsequenzen mit sich. Auch wenn man sie zun├Ąchst nicht sehen will oder nicht wahrhaben kann, sie sind da.

In meiner Geschichte sp├╝rte sich diese Entwicklung an wie ein Topf mit kochender Milch. Und wer so grauenhaft schlecht kocht, wie ich, wei├č, dass man meistens erst das Brodeln bemerkt, wenn die hei├če Fl├╝ssigkeit zischend zwischen Topf und Deckel ausbricht, sich ├╝ber den ganzen Herd ergie├čt und sich der Feueralarm lautstark meldet.

Bei mir war dies der Fall, als an einem Abend vor ein paar Tagen meine berufliche Opponentin mein Team in h├Âchst unangebrachtem Ton und ohne jede Grundlage attackierte. Ich bin normalerweise ein Mensch, der als ausgeglichen, gefasst und stabil gilt. Meist um Konsens und Harmonie bem├╝ht, mindestens aber um einen Kompromiss. In dieser Situation wurde ich unerwartet emotional. Ich konnte das Gespr├Ąch gerade noch -nach westlicher Firmenkultur-Standards- professionell beenden. Doch anschlie├čend sa├č ich fassungslos auf dem Sofa, zitterte vor Wut und wusste, dass eine Grenze ├╝berschritten worden war.

Ich rief meinen Vorgesetzten an, den ich zum Gl├╝ck nicht erreichen konnte. Ich rauchte. Ich sch├Ąumte weiter, zitterte weiter, war den Tr├Ąnen nahe. Als mein Chef zur├╝ck rief, riss ich mich mit aller Kraft zusammen, um wieder den beruflichen Gespr├Ąchsstandards zu entsprechen. Immer noch mit zitternder Stimme aber bestimmt erkl├Ąrte ich ihm, dass ich einen bedeutenden Teil meines Verantwortugsbereichs abgeben w├╝rde. Er sp├╝rte die Endg├╝ltigkeit der Entscheidung war erstaunt aber akzeptierte es. (interessanter Weise, hatte er bei bisherigen Gespr├Ąchen, die in eine ├Ąhnliche Richtung gegangen waren, immer auf zuk├╝nftige L├Âsungen verwiesen, an mein Durchhalteverm├Âgen appellliert oder Konsequenzen angedeutet)

Nachtr├Ąglich ist mir klar, dass dieser Moment der notwendige Ausl├Âser, ein hilfreiches Ventil f├╝r eine l├Ąngst getroffene Entscheidung war. Wie das Blitzlicht des Fotoapperates, das der Ausl├Âser f├╝r einen besonderen Bildermoment ist. Mit der Weisheit des R├╝ckblicks bin ich dankbar f├╝r das kindliche, unreife und aggressive Verhalten der Kollegin. Es war das, was ich brauchte, um den ersten klaren Schnitt in meinem Ver├Ąnderungsweg zu machen.

Vielleicht klingt das jetzt f├╝r den ein oder anderen nach einem “so what?”-Problem. Vielleicht ist es das auch. Gleichzeitig m├Âchte ich die Frage stellen: Wer von euch hat schon einmal bewusst auf gut 40% seines Verantwortungsbereichs verzichtet, weil “es nicht dem entspricht, wie ich arbeiten m├Âchte?” Darunter die Zusammenarbeit mit dem CEO zur├╝ckgelegt “weil es mir mehr Kraft raubt als, dass ich gestalten kann”. In dem Unternehmen, in dem ich aktuell arbeite, war ich laut HR Chef die Erste. Das gab mir ein Gef├╝hl von Gr├Â├če, St├Ąrke und Stolz.

Als ich am n├Ąchsten Tag aufwachte, fra├č mich die Angst. Gr├Â├če, St├Ąrke und Stolz hatten sich ├╝ber die Nacht in Reuhe, Relativierung und Schwere gewandelt. Ich ├╝berlegte ernsthaft den Weg zur├╝ck einzuschlagen. Wie dumm konnte man sein? Diese Chancen beiseite zu legen, kann nur unvern├╝nftig sein. So etwas tut man nicht.

Das Geheimnis au├čerordentlicher Menschen ist in den meisten F├Ąllen nichts anderes als Konsequenz.

Buddha

Eine Woche sp├Ąter ist der Schritt vollzogen, soeben habe ich das Abschluss-Gespr├Ąch mit dem CEO gef├╝hrt. Es war wertsch├Ątzend, offen, klar und ich habe Erkenntnisse f├╝r mich mitgenommen. Ich gehe aus dem Gespr├Ąch mit einem Gef├╝hl von Gr├Â├če, St├Ąrke und Stolz.

Warum ich das erz├Ąhle? Ich denke es ist wichtig zu verstehen, dass pers├Ânliche Ver├Ąnderung, pers├Ânliche Weiterentwicklung und Wachstum mit Konsequenzen einhergehen. Man wird kl├╝ger, die Optik sch├Ąrft sich und pl├Âtzlich kann man nicht mehr akzeptieren, womit man sich bisher arrangiert Die unheimliche Scheiss-Angst vor dem Unbekannten ist weiterhin da. Nur: wenn man Dinge klarer sieht und n├Ąher an seinem Kern ist, KANN man gar nicht anders, als etwas zu ├Ąndern. Und pl├Âtzlich hat man eine Entscheidung getroffen, die man vielleicht schon im Innersten lange wusste aber nie den Mut hatte, es zu tun.

Was folgt ist wie ein Sog, in den man gezogen wird. W├Ârter wie “Pers├Ânlichkeitsentwicklung” oder “Learning Journey” klingen so romantisch, nett und gem├╝tlich. Aus meinem Empfinden ist die Beschreibung realistischer, dass Ver├Ąnderungung es wie ein unkontrollierbarer Strudel ist, bei dem man sich f├╝hlt als w├╝rde man sich an das letzte St├╝ck Holz eines gesunkenen Schiffes klammern und von den Wellen hin und her geschleudert werden.

“Werden sie dich k├╝ndigen?” fragt meine Mama. “Verlierst du damit Macht?” fragt mein Kollege. “Musst du auf Gehalt verzichten?” fragt mein Freund, “Wie werden deine betroffenen Mitarbeiter reagieren?” fragt mich mein Chef.

Honestly: I don’t know. Was ich in der Tiefe meines Herzens wei├č, ist, dass das die einzig richtige Entscheidung f├╝r mich ist. Egal was kommt. In jedem Fall habe ich daraus gelernt, dass ich Grenzen setzen, f├╝r mich einstehen und mein Leben formen und gestalten kann, dass ich Mut habe und ├╝ber meiner Angst stehe. Das f├╝hlt sich nach Gr├Â├če und St├Ąrke an und macht mich stolz.

Habt ihr so etwas schon einmal erlebt? Wie seid ihr damit umgegangen? Ich freue mich eure Geschichten zu h├Âren.

Love,

Florence

The Joker’s Wife

Die Figur des Jokers ├╝bt eine Faszination auf mich aus, irritiert und reizt mich. Ist es die schauspielerische H├Âchstleistung eines Joaquin Phoenix, Heath Ledgers oder Jared Letos? Oder eher das Konzept des Herrschers ├╝ber das Chaos – bzw. in diesem Fall eher die Unbeherrschbarkeit des Chaos.

Todd Phillips, Regisseur des 2019 herausgekommenen Films “Joker” sagt, dass die Figur des Jokers in seinen Augen “f├╝r Chaos steht. Und auf eigenartige Weise auch f├╝r Freiheit.”

Der Vollst├Ąndigkeit halber m├Âchte ich festhalten, dass es nat├╝rlich nicht erstrebenswert ist, Menschen vor moralische Dilemmata zu stellen geschweige denn, Gewalt anzuwenden.

Gleichzeitig fesselt mich die Figur, egal in welcher genialen Darstellung. Vielleicht ist es dieses Ungebundene, das Niederrei├čen von Regeln, von Beschr├Ąnkungen, Handlungsmustern, des Erwartbaren, dass mich an der Idee des Jokers so fasziniert. Die Freiheit im Schaffen dessen, was nicht denkbar war, die Energie, die frei wird f├╝r Neues, Unverbrauchtes. Frei nach dem Motto: Wenn nichts mehr gilt, was entsteht dann?

Jetzt muss dieses Zerst├Âren, ja nicht unbedingt mit Mord, Totschlag und Superhelden einhergehen. Selbst in der ├ľkonomie ist das Konzept der Sch├Âpferischen Zerst├Ârung mit Joseph Schumpeter prominent vertreten. Zerst├Ârung ist notwendig, damit etwas Neues geschaffen wird.

Auch in Otto Scharmer’s Theory U, gibt es den Punkt des Loslassens an der tiefsten Stelle der Transformation, dem Nadel├Âhr.

Pass through the eye of the needle. At the deepest point of each U journey is a threshold. Crossing that threshold, passing through the eye of the needle, can feel like dying and being reborn. if we want to go through the eye of the needle at the bottom of the U, we have to let go of everything and offload all the baggage that isnÔÇÖt essential.

Otto Scharmer, Theory U.

Die Kraft der Zerst├Ârung zur Schaffung des Neuen. Also, was kann ich vom Joker lernen?

Ein Gedankenspiel: Wie w├╝rde ich mich verhalten, w├Ąre ich die Frau des Jokers? Was in meinem Leben, w├╝rde ich zerst├Âren, umrei├čen, loslassen? Von welchen Erwartungen w├╝rde ich mich befreien, von welchen Gedanken trennen? Wie w├╝rde sich das Chaos anf├╝hlen? Wie die absolute Freiheit? Zuletzt die Frage: Was k├Ąme danach? Was w├╝rde entstehen?

Wenn die Zerst├Ârung notwendig ist, um Neues zu erschaffen – Why is my husband so f***ing scary?

Yours,

Florence